1890 - 1918 / 1919 - 1933 / 1933 - 1945 / 1945 - 1949 / 1949 - 1989 / 1989 - 2016
Machtergreifung
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Buchauszug
In allen diesen Fällen war bereits vor dem Krieg eine persönliche Beziehung oder Bindung geknüpft worden, so daß die Beteiligten voneinander Hilfe in Notsituationen erwarten konnten. Manche nichtjüdische Familien waren bereit, jüdische Kinder aufzunehmen. Diese Entscheidung wurde erwogen, wenn die Eltern akut bedroht waren. Daneben gab es Fälle, in denen sich ein Nichtjude zu einer Jüdin oder eine Nichtjüdin zu einem Juden hingezogen fühlte. Meist dürften diese Begegnungen von kurzer Dauer, ja sogar flüchtig gewesen sein. Sofern sich daraus feste Verbindungen entwickelten, waren sie unweigerlich kompliziert, besonders für jüdische Frauen, selbst wenn der Mann keinerlei Druck ausübte. Darüber steht jedoch in Memoiren kaum etwas zu lesen.
Die anderen Helfer handelten entweder aus Opposition gegen das Regime, aus reiner Sympathie oder aus dem Gefühl, eine humanitäre Pflicht zu erfüllen. Unter den Oppositionellen gab es politisch motivierte wie Oskar Schindler, der jüdische Arbeiter in seiner Fabrik unterbrachte, um sie zu retten, polnische Kanalreiniger, die Juden dabei halfen, sich im Abwassersystem von Lwow zu verstecken, und mehrere linksradikale oder kommunistische deutsche Zivilisten im Bezirk Bialystok, die jüdischen Widerstandskämpfern im Getto Waffen zukommen ließen. Über die humanitären Helfer ist viel geschrieben worden. Man nannte sie etwa Altruisten, gerechte Nichtjuden oder barmherzige Samariter, aber äußerlich gesehen hatten sie wenig gemeinsam. Es waren Männer und Frauen, ältere oder jüngere, reichere oder ärmere Leute. Wie die Täter, deren Gegenteil sie waren, konnten sie ihre Motive nicht erklären. Sie nannten ihr Handeln normal oder natürlich, und nach dem Krieg fühlten sich manche von ihnen durch das öffentliche Lob peinlich berührt. Oft waren sie Mitglieder einer Gemeinde, wie die Protestanten in der französischen Stadt Le Chambon, die in einem kleinen Gebiet viele Juden schützten; zumindest bildeten sie einen Zusammenhalt und waren Gleichgesinnte in einem losen Netzwerk von Helfern. Oft mußten sie sich ganz schnell entscheiden.
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