1890 - 1918 / 1919 - 1933 / 1933 - 1945 / 1945 - 1949 / 1949 - 1989 / 1989 - 2016
Versailles
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Buchauszug
Der weite Schillerplatz vorm Gouvernement war schwarz von Menschen, man erwartete wohl eine offizielle Kundgebung, eine Ansprache des Gouverneurs oder dergleichen, aber es geschah nichts, die Militärmusik spielte die prächtigen alten Märsche, da und dort hörte man ein paar Stimmen »Hurra« rufen oder das Deutschlandlied singen, aber das verebbte gleich wieder, es ging ernst und würdig zu, fast feierlich, trotz der immer dichter gedrängten Menschenmenge. Extrablätter der lokalen Zeitungen wurden angeboten, in denen man las, daß Rußland entgegen seinem ausdrücklichen Versprechen seine gesamte Riesenarmee mobilisiert habe, daß die »russische Dampfwalze« mit ungeheurem Einsatz von Divisionen auf die deutsche Ostgrenze zustampfe, daß Frankreich ohne Warnung mobilgemacht habe und den deutschen Westen bedrohe. Wir sprachen nur noch davon, bei welchem Regiment man sich am besten melden sollte. Einer unserer Freunde, Sohn eines höheren Offiziers, informierte uns, daß mit den Kriegserklärungen am nächsten Tag zu rechnen sei und daß dann wohl überall Freiwillige angenommen würden. Am liebsten wären wir gleich alle zusammen in eine Kaserne gelaufen und gar nicht mehr heimgegangen. Wir hatten die Arme ineinandergehakt und bildeten eine Kette, um uns im Gedränge nicht zu verlieren - ich weiß noch heute den Namen jedes einzelnen, der da mit mir ging: Karl Gelius, Franz Klum, Leopold Wagner, Max Neuhoff, Heinz Römheld, Geo Hamm, Richard Schuster, Franz Pertzborn, Erich Hahn -, ich sehe ihre siebzehnjährigen Gesichter, wie sie damals waren, jung und frisch, ich könnte sie nie anders sehen, denn sie sind nicht gealtert. Sie sind alle tot, kriegsgefallen, jeder der hier Genannten. Zum Abschluß spielte die Militärkapelle, in langsamem Takt, das Lied vom Guten Kameraden, und wir sangen mit, ohne noch die Bedeutung dieser Strophe zu ahnen: »Es hat ihn weggerissen - Er liegt zu meinen Füßen - Als wär's ein Stück von mir.« Gegen Abend, noch vor Dunkelheit, rückten die 117er aus, das >Leibregiment der Großherzogin, die populärste Infanterietruppe unserer Heimat, bei der viele bekannte Persönlichkeiten der Stadt gedient hatten und jetzt als mobile Reserve mitmarschierten. Man sah vertraute Gestalten, auch die Spitzen des >Mainzer Rudervereins <, die bei mancher internationalen Regatta den Sieg errungen hatten. Sie kamen an unsrem Haus vorbei, das nahe beim Bahnhof lag: die höheren Offiziere, Regiments- und Bataillonsstab, zu Pferd, die Führer der kleineren Einheiten, junge Leutnants, zu Fuß, zehn Schritte vor ihrer Mannschaft, so wie sie ihr dann im Kampf vorausgegangen und zum großen Teil gefallen sind. Sie waren in Feldgrau, noch ohne Stahlhelme, die erst im Verlauf des Kriegs eingeführt wurden - die berühmten >Pickelhauben< mit grauem Stoff überzogen. Fast alle hatten Blumensträuße am Helm, am Tornister oder an den Gewehrläufen. Manche Gesichter waren von Sommerhitze und Wein gerötet, die meisten ruhig und gesammelt. Junge Mädchen, Bräute und Schwestern, liefen neben der Marschkolonne her und winkten den ihren zu, einige weinten. Auch unsere Köchin, die neben uns vor der Haustür stand, weinte - ihr Bruder war als Sergeant dabei, und als sie ihn neben seiner Gruppe hermarschieren sah, stürzte sie auf ihn zu und steckte ihm ein Päckchen in die Tasche. Er lächelte und grüßte uns mit seinem einfachen, derbknochigen Bauerngesicht. Ein junger Soldat warf seine Blumen im Vorüberziehn einer vor einer anderen Haustür stehenden Frau zu, die sie an ihr Herz preßte; wir wußten, daß es seine Mutter war. Er hielt die Hand noch erhoben, als er um die Straßenecke verschwand. Diese kleinen, unbedeutenden Einzelheiten waren es, die uns mehr ergriffen als der Anblick des Ganzen und sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägten. Es spielte keine Blechkapelle, die ersten Regimenter rückten still und ohne Musik aus, aber vom Bahnhof her hörten wir sie dann singen, wie mit einer Stimme.

Soldat-Werden, sein Jahr abdienen müssen, war für mich während der Gymnasialzeit immer eine peinliche, bedrohliche Vorstellung gewesen. Das bedeutete: Sich-Richten, Stillstehen, Maulhalten, Parieren, Subordination - den Verlust aller Freiheit. Jetzt war es das genaue Gegenteil: Befreiung! Befreiung von bürgerlicher Enge und Kleinlichkeit, von Schulzwang und Büffelei, von den Zweifeln der Berufsentscheidung und von alledem, was wir - bewußt oder unbewußt - als Saturiertheit, Stickluft, Erstarrung unserer Welt empfunden, wogegen wir schon im >Wandervogel< revoltiert hatten. Jetzt hatte das die Beschränkung auf Wochenende und Feriensport verloren, es war Ernst geworden, blutiger, heiliger Ernst, und zugleich ein gewaltiges, berauschendes Abenteuer, für das man das bißchen Zucht und Kommißkram gern in Kauf nahm. Wir schrien »Freiheit«, als wir uns in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten. Es klingt absurd. Aber man war, mit einem Schlag, ein >Mann< geworden, dem Unbekannten, der Gefahr, dem nackten Leben gegenübergestellt - die Drohung des frühen Todes erschien uns dagegen gering. Ja, es war eine Art von Todeslust, von mystischer Begehr nach dem Blutopfer, was damals die Welt übermannte, und ich glaube nicht, daß hier das berühmte Wort Clemenceaus von der »Verliebtheit des Deutschen in den Tod« am Platze ist. Ich hörte später von der gleichen Gestimmtheit in Frankreich, in England, dann sogar in Amerika. Was in Rußland vorging, blieb uns dunkel und unbekannt.

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